Drachenboot im Geiste von Qu Yuan - Das Ziel ist der Weg

Ich wage es einmal, die folgende Behauptung aufzustellen. Drachenboot ist Meditation pur. Ich denke, ich weiß wovon ich rede, bin ich doch nicht vom Kanusport zum Drachenboot gekommen, sondern vom Kampfsport. Genau wie dem Kampfsport, der ja auch, nimmt man mal das Boxen und das Ringen heraus, eine nicht unerhebli-che asiatisch meditative Komponente hat, hängt dem Drachenbootfahren etwas Geheimnisvolles an. Allein der Umgang der Teams untereinander unterscheidet sich erheblich von anderen Sportarten.

Man sieht die anderen Mannschaften als Konkurrenten, nicht als Gegner. Wäre eine andere Besatzung durch unglückliche Umstände bei einer Regatta unterbesetzt und ich mit einem Team in der glücklichen Lage, mehr Leute als nötig zu haben, so wür-de es niemand aus dem Team ablehnen, die Drachenbrü-der und -schwestern mit Man- oder Womanpower zu unterstützen. Dieses Denken: "Ha, ein Gegner weniger!", ist in diesem Sport zum Glück bislang nicht vorhanden. Vielleicht liegt es auch daran, dass man ja teilt. Man teilt sich auf den Regatten die Boote. Nicht jedes Team bringt sein eigenes Boot mit. Man nutzt das vorhandene Sport-gerät und die sind alle gleich. Aktuell fährt man in Europa Zehnbankboote mit einer Länge von 12, 49 Metern und einem Gewicht von 250 Kilogramm. Es lohnt nicht die Boote zu tunen, da man ja vielleicht gegen sein eigenes Boot starten würde, so das Losglück es denn entscheidet. Aber zurück zum meditativen Ansatz. Ein guter Spruch sagt: "Twenty two Hearts, One Soul on Fire!" Das kommt nicht von ungefähr. Das Team muss in dem Boot eine Einheit bilden, sich so synchron wie möglich bewegen, die Paddel eintauchen, Kraft einsetzen, atmen, denken. Man kann vor einem Rennen auch schon einmal streiten. Das tun Geschwister auch schon mal. Aber sobald man im Boot sitzt, so wollen alle nur das Eine… Fahren! … und gewinnen natürlich auch. Das ist das Sahnehäubchen. Aber selbst wenn man nicht Erster wird, so kommt einer der bekanntesten Sprüche des ZEN zum Tragen: "Der Weg ist das Ziel!" Oder leicht abgewandelt für den Drachenbootsport: "Das Ziel ist der Weg!" Und das stimmt. Ziel ist es, den Weg vom Start zum Endpunkt der Regattastrecke als Team möglichst ideal zu fahren. Und zwar in genau den Parametern, die in der Möglichkeit des Teams liegen, selbst wenn der Eine oder die Andere eine höhere Schlagzahl fahren könnte. Man ist wirklich Eins, wenn das "GO" ertönt und die Besatzung mit dem Boot zusammenwächst als der Drache, der jetzt auf die Strecke losgelassen wird und sich mit anderen Geschöpfen misst. Wenn das Schiff läuft, und jedermann im Boot spürt das sofort, dann zieht man daraus innere Zufriedenheit, selbst wenn andere Teams schneller waren. Man kann diesen Moment des Zusammenwachsens körperlich und geistig spüren. Nicht immer, aber häufig meine ich, die gleiche Atmung, den gleichen Herzschlag des ganzen Bootes zu empfinden. In diesen kurzen Momenten scheint alles in Zeitlupe und perfekt.   Manch Einer mag dies als Spinnerei abtun. Dem kann ich nur entgegnen: "Lass Dich fallen, lass Dich darauf ein. Aber warte nicht darauf. Lass Dich davon überraschen!"

 

 

Auszug aus dem Buch von Frank Plewka "The Dragon within"